Kirchengemeinde Der Kindergarten

Eine Woche lang war die Evangelische Kirche in Baiertal nachmittags geöffnet, um einen wichtigen Aspekt des Reformationsgeschehens bekannt zu machen: auch viele Frauen haben sich damals auf verschiedene Weise für die Ideen der Reformation eingesetzt.

So war das Organisationsteam stolz, schon gleich zu Beginn des Reformationsjahres die Wanderausstellung „Vom Dunkel ins Licht“ aus der Bayrischen Landeskirche, in der Evangelischen Kirchengemeinde Baiertal – Dielheim zeigen zu können. Unterschiedliche Gruppen und Einzelpersonen haben vom 12. bis zum 19. Februar die Gelegenheit wahrgenommen, die Ausstellung zu besuchen, am Büchertisch zu stöbern und im Kirchencafé einen Tee oder Kaffee zu trinken. Schließlich ging die Ausstellungswoche über die „Frauen der Reformation“ mit einem kleinen Highlight zu Ende. Die Samstagnachmittagsveranstaltung zu Elisabeth Silbereisen, die eine Zeit lang als Nonne im Kloster Lobenfeld gelebt hat, war mehr als nur ein Vortrag. Die Referentin Rose Waschek, die aus dem Mosbacher Raum stammt wie auch Elisabeth Silbereisen, verstand es, ihre Protagonistin im Umfeld der damaligen Zeit lebendig werden zu lassen und die interessierten Besucherinnen und Besucher hineinzuziehen in die Zeit der Reformation.

Im Mittelalter gehörte die Existenz einer Vielzahl von Klöstern ganz selbstverständlich zum Bild der Städte und Dörfer. Mädchen oder Frauen, für die keine Aussteuer für eine Heirat finanziert werden konnte, wurden von der Familie oft aus Versorgungsgründen ins Kloster gebracht. Auch erwachsene Frauen, die nicht in die Ehe einwilligen wollten oder manche Witwen entschieden sich für das sichere Klosterleben. Ein Gott geweihtes Leben als Nonne in Keuschheit war aus Sicht der mittelalterlichen Kirche das gottgefällige Leben, die Lebensform, die anzustreben war.
Durch den Eintritt ins Kloster hatten auch Mädchen die Möglichkeit, lesen und schreiben zu lernen. Verheiratete Frauen waren aus Sicht der mittelalterlichen Kirche Wesen zweiter Ordnung, ein „nötiges Übel und kein Haus ohne solches Übel“. Diese Sicht wurde vom Sündenfall hergleitet und äußerte sich auch praktisch. So bildeten in einer Prozession verheiratete Frauen die letzte Gruppe.
In diese Zeit wird 1495 in Mosbach Elisabeth Silbereisen geboren. Ihre Eltern sind vermögend, sterben aber 1511, so dass der Schwager Jacob Schmid die Vormundschaft über die Waise erhält. Mit bemerkenswertem Barvermögen tritt sie spätestens 1512 - wie sie später sagt, nicht freiwillig - in das Kloster Lobenfeld ein. Obwohl das Klosterleben anstrengend ist, harte Arbeit, kaltes, feuchtes Gemäuer, alle 2 Stunden, auch nachts, zum Gebet aufstehen, ist man für die damalige Zeit nicht schlecht versorgt, und hat die Möglichkeit, ein gutes Maß an Bildung zu erwerben. Auch ist die Lebenserwartung einer Nonne deutlich länger als die einer verheirateten Frau.
Dahinein treffen neue Ansichten und Werte der Reformatoren. Luther betont die Gleichwertigkeit von Mann und Frau und sieht die Ehelosigkeit als unnatürlich an. Die Werte und Gedanken der Reformatoren dringen auch in die Klöster ein, viele Nonnen und Mönchen sehen ein geistliches Leben außerhalb des Klosters als gleichwertig oder sogar biblischer, fühlen sich nicht länger an ihr Gelübde gebunden und verlassen in großer Zahl die Klöster. So auch 1520 Elisabeth Silbereisen. Vermutlich in Worms lernt sie Martin Bucer kennen, der auch als der dritte Reformator hinter Luther und Melanchthon bezeichnet wird. Elisabeth bittet Bucer, sie zu heiraten, was 1522 auch geschieht. Immer wieder muss der Geistliche fliehen als seine Ehe als Priester öffentlich wird. Der Weg führt das Ehepaar durch das Elsass nach Straßburg. Hier in Straßburg tritt wieder Ruhe in das Leben des Ehepaares ein. Bucer kann als Pfarrer arbeiten, der Familie werden im Laufe der Jahre 13 Kinder geschenkt, wovon einige schon im Säuglings und Kindesalter sterben.
Im Heim der Familie lebt eine ständig wechselnde internationale Hausgemeinschaft, andere Reformatoren auf der Durchreise oder Flucht leben für kürzere oder längere Zeit im Haus, dazu kommen immer wieder Studenten und Schüler. Ein italienischer Glaubensflüchtling lobt das Familienleben, die Gastfreundschaft und die Gespräche im Hause Bucer in einem Brief über alles. Die Ehe von Elisabeth Silbereisen und Martin Bucer war von gegenseitiger Wertschätzung und Liebe geprägt. 1541 bricht die Pest in Straßburg aus, Bucer sieht es als seine Pflicht an zu bleiben; so bleibt auch Elisabeth mit den Kindern bei ihm. Auch das Haus Bucer wird nicht von der Pest verschont, zwei Bedienstete, ein ausländischer Student und fünf der Kinder sterben. Der behinderte Sohn Nathanael überlebt als einziger. Am 16. November 1541 stirbt auch Elisabeth im Alter von 47 Jahren. Auf dem Sterbebett bittet sie ihren Mann, die Witwe des wenige Tage zuvor verstorbenen Reformators Capit, Wibrandis Rosenblatt zu heiraten. So sind ihr Mann, der Sohn und die Witwe Wibrandis versorgt und Bucer kann weiter als Reformator wirken. Bucer muss 1548 noch einmal fliehen, verlässt Straßburg und geht nach Cambridge, wo er 1551 stirbt.
Pfarrerin Regina Bub und Heiderose Treml, die diesen Nachmittag organisiert hatte, bedankten sich herzlich bei der Referentin Rose Waschek für diesen lebendigen Blick in die Zeit der Reformation.
Mit dem Gottesdienst am darauffolgenden Sonntag wurde die Ausstellung „vom Dunkel ins Licht, Frauen der Reformation“ abgeschlossen und trat ihre Reise nach München an, wo sie als Nächstes zu sehen sein wird. In der Kirchengemeinde Baiertal-Dielheim bereitet das Organisationsteam derweil schon die nächste Veranstaltung zum Reformationsjahr vor, ein Theaterspiel „an der Tafel Luthers“. Gemeinsam mit den Schauspieler/innen des Theaters im Bahnhof, Dielheim, werden die Zuschauer an der Tafel sitzen und Gäste Luthers sein, dem Tischgespräch zuhören und ein gemeinsames Essen mit drei Gängen genießen. Karten für diesen Abend am 31. März im Bonhoeffer Haus Dielheim können im Pfarramt Baiertal reserviert werden.

Matthias Flender